Zu guter Letzt … (Juli 2012)

Manchmal ist es so, dass ich bis ganz zuletzt noch keine Ahnung habe, wovon mein „Zu guter Letzt“ handeln wird. Diesen Monat ging es mir ebenfalls so … bis mich gestern beim Spaghettikochen der Blitz der Erkenntnis traf. Beim darüber Nachdenken ob in das Spaghettiwasser nun neben Salz auch Öl gehört, kamen mir die Worte „Die Kunst des Weglassens“ in den Sinn. „Was für eine wunderbare Formulierung“, dachte ich mir, und fing an, das Thema weiter zu durchdenken. Dieses „Zu guter Letzt“ handelt also von der Kunst, alles, was unnötig, überflüssig, zuviel oder sogar schädlich ist, wegzulassen.

Unsere Gegenwart in der „zivilisierten“ westlichen Welt ist vom Überfluss geprägt. Wir leben auf einem materiellen Niveau wie es wahrscheinlich niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit der Fall war. Das Prinzip der Konsumgesellschaft ist es, den Bedarf mit allen Mitteln anzukurbeln, damit die Menschen immer mehr kaufen. Schon lange geht es nicht mehr darum, die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Stattdessen überlegt sich die Werbeindustrie, beauftragt durch die Unternehmen, die produzieren oder Dienstleistungen anbieten, immer neue Strategien um Bedürfnisse in den Menschen zu wecken, von denen die noch gar nicht wussten, dass sie sie haben. An dieser Stelle sei noch einmal auf „The Story of Stuff“ verwiesen – eine Serie von kleinen, kurzen Videos, die plakativ, jedoch ohne jegliche Polemik die Problematik der Konsumgesellschaft darstellen.

Ein wichtiger Teil der „Kunst des Weglassens“ ist es, zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein Verfechter der Askese. Wir leben in einer Welt, in der es neben der Befriedigung der Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen, …) auch eine Reihe von weiteren Bedürfnissen gibt, die ihre Daseinsberechtigung haben: Kommunikation, Information, Schönheit, Erholung, etc. Mir stellt sich jedoch die Frage, wo die Befriedigung des real existierende Bedürfnisses endet und wo der künstlich der künstlich erschaffene Bedarf beginnt. Wie notwendig ist z.B. der Bezahlsender Sky für meine Zufriedenheit? Klar – wenn ich Fußballfan bin und gewisse Spiele einfach nur dort laufen, dann kann es für mich schon wichtig sein, sie sehen zu können. Ob aber die 25 Spielfilmkanäle ein tatsächliches Bedürfnis nach Unterhaltung befriedigen ist für mich fraglich, besonders weil ich ohnehin immer nur einen gleichzeitig sehen kann.

Muss es dazu der Riesen-3D-Flachbildschirm sein, nur weil mir in der Werbung immer wieder eingebläut wird, dass die Zukunft des Fernsehens 3D ist? Will ich mich wirklich mit einer klobigen (oder zumindest ziemlich hässlichen) Brille auf die Couch setzen? Die Kunst des Weglassens besteht für mich an dieser Stelle darin, sich darüber klar zu werden, was  wirklich wichtig ist. Großer Bildschirm? Von mir aus – macht schon Spaß. 3D? Für mich extrem überflüssig (ebenso wie Sky und Konsorten).

Die Frage, die ich mir in Bezug auf Konsum immer stelle ist: „Wenn ich das habe/tue: Macht es mich wirklich glücklich oder dient es dazu, einen Pseudomangel zu beheben“. Ein Pseudomangel ist für mich all das, was mir von außen mit mehr oder weniger Erfolg eingepflanzt wird – sei es durch die Werbung, durch sozialen Druck (z.B. Thema Markenklamotten bei Kindern oder der übliche männliche Konkurrenzkampf à la „Meiner ist größer“ bei Auto, TV, etc.) oder durch Kompensationsmuster, wenn ich z.B. versuche eine innere Leere mit äußerlichen Dingen zu füllen. Mein persönliches Ziel ist es, nur die Dinge zu kaufen, die mir wirklichen, echten Spaß machen und den Rest einfach wegzulassen.

Die Kunst des Weglassens beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Thema Konsum. Sie ist auch in anderen Bereichen extrem nützlich. Zum Beispiel beim Produktdesign. Ein begnadeter Künstler in dieser Hinsicht war Steve Jobs, der Gründer und CEO von Apple. Ein Teil aus seiner Biographie, der mir besonders gefallen hat war die Beschreibung seines fast obsessiven Drangs, Dinge (durch Weglassen) immer einfacher und simpler zu machen. Gegipfelt hat das ganze im iPhone, das als erstes Mobiltelefon überhaupt vollständig auf eine mechanische Tastatur verzichtet hat. Was hat sich die Konkurrenz darüber lustig gemacht. Für sie war vollkommen klar, dass das nur ein Reinfall werden konnte. Wie kann man bei einem Telefon nur so etwas Wesentliches wie die Tastatur einfach weglassen? Der Lauf der Dinge hat sie recht schnell eines Besseren belehrt und der Rest ist Geschichte.

Wie bereits früher geschrieben bin ich der Ansicht, dass alle wahren und echten Dinge im Leben vor allem eines sind: einfach. Wenn es anfängt, kompliziert zu werden, dann sollte man einen Moment innehalten und darüber nachdenken, ob man nicht dabei ist, vom direkten Weg abzukommen. Ich habe bis jetzt noch keinen Bereich im Leben gefunden, wo dies nicht anwendbar ist. Und ganz sicher gilt dieses Prinzip für technische Dinge im Haushalt. Es gibt viele Beispiele von Geräten, die unglaublich viel können, jedoch in Bezug auf ihre Fähigkeiten und die Bedienung so überfrachtet sind, dass sie letztlich nutzlos sind. Die Kunst des Weglassens besteht auf dieser Ebene darin, ein Ding so zu machen, dass es möglichst perfekt dazu geeignet ist, das zu erledigen, wofür es gedacht ist … und den Rest einfach wegzulassen.

Ein weiterer Bereich, in dem weniger mehr ist, ist das Kochen. Die leckersten Dinge sind oft diejenigen, die aus den wenigsten Zutaten bestehen und am simpelsten herzustellen sind. Bagels brauchen nicht mehr als fünf Zutaten: Wasser, Mehl, Hefe, Salz und ein wenig Zucker. Der leckerste Partysalat, den ich kenne, kommt mit vier Zutaten aus. Pasta wird ebenfalls mit minimalen Mitteln extrem lecker (z.B. Aglio e Olio, Salvia e Burro). Sicher gibt es auch Rezepte, bei denen man stundenlang in der Küche steht und mit zig Zutaten und Gewürzen hantiert. Und sicher schmecken auch diese. Aber ist es wirklich notwendig? Die Kunst des Weglassens in der Küche besteht darin, die Anzahl der Zutaten zu beschränken und auch alles unnötige im Prozess der Zubereitung wegzulassen. Das hat übrigens auch den Vorteil, dass die Gefahr, dass man das Gericht durch einen Fehler versaut, minimiert wird: Was nicht da ist, kann nicht falsch gemacht werden.

Die Kunst des Weglassens ist dabei nicht immer einfach, denn es geht ja schließlich nicht darum einfach alles militant wegzulassen, sondern nur das, was für uns unnötig oder überflüssig ist. Das braucht ein wenig Zeit. Zeit, in der ich in mich hineinhorche, um herauszufinden, was für mich wirklich wichtig ist. Jedoch ist diese Zeit in meinen Augen sehr gut investiert, denn unter dem Strich hat es viele Vorteile, wenn man sich in der Kunst des Weglassens übt: Tatsächlich spart man Zeit, denn man verzichtet auf gewisse Tätigkeiten oder erledigt Dinge effizienter. Man spart Geld, weil man nur noch die Dinge kauft, die man wirklich braucht. Man spart Platz, denn die Dinge, die man nicht gekauft hat, brauchen auch keinen Aufbewahrungsort.

Für mich gibt es jedoch noch einen weiteren Faktor, der mich darin bestärkt, dass es gut, richtig und wichtig ist, alles Überflüssige wegzulassen, und dieser Faktor ist energetischer Natur. Alles, was wir in unserem Umfeld haben oder tun, was nicht wirklich nötig ist, kostet uns auf die eine oder andere Weise Energie. Ich muss es tun, kaufen, aufbewahren, reinigen, instandhalten, etc. Als ich damit begonnen habe, die Kunst des Weglassens zu entdecken, habe ich (in vielen kleinen Schritten) erlebt, dass es eine sehr befreiende Erfahrung ist, wenn man sich von Sachen oder Tätigkeiten trennt, die man als überflüssig erkannt hat. Tatsächlich ist es so, dass man mehr Zeit, Energie und Muße hat, sich auf diejenigen Aspekte zu konzentrieren, die wichtig sind (weil sie wirklich glücklich machen)!

In Bezug auf den Krempel, den wir im Außen mit uns herumschleppen möchte ich Ihnen an dieser Stelle das Buch „Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags“ von Karen Kingston wärmstens empfehlen. Dieses Buch war für mich der Beginn des Ausmistens im Außen – und in dem Maße, wie wir im Außen aufräumen, kommt auch mehr Ordnung in unser Inneres.

Zum Schluss noch einmal die Bemerkung: Ich bin kein Asket. Ich freue mich an gutem Essen, schnellem Internet, technischen Geräten („Männerspielzeug“) und vielen anderen Dingen. Dieses Plädoyer für die Einfachheit soll ausschließlich dazu dienen, Ihnen einen Anstoß zu geben, sich darüber klar zu werden, welche dieser Dinge wirklich wichtig sind und den Rest wegzulassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine befreiende Zeit, in der weniger Krempel tatsächlich mehr Freude bedeutet.

Liebe Grüße aus Aschaffenburg
Carsten Sann
Der Essenzenladen

P.S. Für eine italienische Pasta kommt kein Öl ins Wasser (man lässt es sozusagen weg ;-) ), denn sonst haftet die Sauce hinterher nicht gut an den Nudeln.

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