Zu guter Letzt … (Januar 2018)

Dieses „Zu guter Letzt“ ist ein Plädoyer. Ein Plädoyer, endlich mit dem „Entweder/Oder“ aufzuhören und zu akzeptieren, dass ein „Sowohl/Als auch“ immer die bessere Lösung ist. Es geht mir dabei heute um den niemals enden wollenden Kampf zwischen den Anhängern der Schulmedizin und der Naturmedizin.

Natürlich greifen die Meinungsmacher und Lobbyisten unter den Schulmediziner alles an, was außerhalb ihres Verständnisses ist, bzw. ihre Pfründe in Gefahr bringt. Jedoch gibt es auch genügend Hardliner unter den Menschen, die der Naturmedizin nahestehen, und die alles, was der Schulmedizin entspringt, kategorisch ablehnen. Eines ist so gefährlich und dumm wie das andere.

Aktueller Fall: Eine Freundin der Familie wird von einem Pferd abgeworfen und ihr Nacken tut höllisch weh. Vorsichtshalber geht sie zum Orthopäden und dank der diagnostischen Instrumente der Schulmedizin wird schnell klar, dass zwei Halswirbel und die Schädelbasis gebrochen sind, glücklicherweise ohne eine Schädigung des Rückenmarks. Durch die fortschrittlichen Operationsmethoden der Schulmedizin können die Wirbel so weit fixiert werden, dass eine nachträgliche Schädigung des Nervengewebes ausgeschlossen werden kann und in sechs Wochen sind die Knochen geheilt und unsere Freundin wird wieder so gut wie neu sein. Dank der Schulmedizin wurde verhindert, dass die Brüche übersehen wurden und unsere Freundin vielleicht den Rest des Lebens vom Hals an gelähmt wäre. Zusätzlich helfen ihr Schmerz- und Beruhigungsmittel, den initialen Schock zu überstehen. Das sind Momente, in denen ich wirklich dankbar für die Segen der Schulmedizin bin.

Da unsere Freundin Heilpraktikerin ist, wird sie sicherlich im Anschluss an die Operation das gesamte Spektrum der Naturmedizin nutzen, um die Selbstheilungskräfte des Körpers zu unterstützen, damit der Heilungsprozess schnell und ohne Komplikationen ablaufen kann. Die Schulmedizin hat hier ehrlich gesagt nicht viel anzubieten und wir befinden uns, sobald die akute Phase vorbei ist, in der Domäne der Naturmedizin.

Ich selbst bin schon lange der Meinung, dass es im Bereich der Medizin kein „Entweder/Oder“ geben darf, aber wer es gerne plakativ und überdeutlich braucht: Voilà. Ich verwende übrigens ganz bewusst nicht den Begriff Alternativ- oder Komplementärmedizin, denn vieles, was es in diesem Bereich gibt, ist viel älter als die Schulmedizin. In meinen Augen ist deshalb der Ausdruck „Naturmedizin“ viel passender.

Vielleicht bin ich naiv, aber ich habe sogar die Hoffnung, dass es irgendwann nur noch eine Medizin geben wird, die das Beste aus allen Welten vereint. Dazu ist es jedoch notwendig, dass auch die Betonköpfe unter den Schulmedizinern akzeptieren, dass es wahre Dinge gibt, die die Wissenschaft (noch) nicht erklären kann, und dass auch das goldene Kalb der Empirik, randomisierte Doppelblindstudien, nicht alles beweisen oder widerlegen können. Gleichzeitig müssen sich all diejenigen an die eigene Nase fassen, die alles in der Schulmedizin ablehnen und verteufeln. „Alternative Betonköpfe“ sind genauso schlimm, wie ihre schulmedizinischen Pendants.

Ich selbst lebe nach dem Motto, dass es zu jeder Situation eine bestmögliche Lösung oder Unterstützung gibt, und ich versuche nach Kräften, diese ohne Scheuklappen zu sehen. Wenn ich erkältet bin werde ich nicht zum Arzt rennen und mir die „Segen“ der Pharmaindustrie verschreiben lassen. Mit Schüsslersalzen und homöopathischen Mitteln fühle ich mich in dieser Situation einfach besser unterstützt und behandelt. Als ich mir jedoch als Kind das Bein gebrochen hatte, war ich nach meiner Operation unendlich dankbar für die Schmerzmittel, die mir die Krankenschwester verabreicht hat – die sind ein tatsächlicher Segen der Pharmaindustrie, wie viele weitere Dinge auch.

Letztlich reduziert sich alles immer wieder auf die Themen „Verantwortung übernehmen“ und „gesunder Menschenverstand“. Solange ich der Meinung bin, dass jemand anderes für mein Wohl und meine Gesundheit verantwortlich ist, beispielsweise ein Arzt oder Heilpraktiker, entziehe ich mich der Aufgabe, selbst die Verantwortung zu übernehmen. Das ist einerseits recht bequem, denn wenn es mir nicht gut geht, kann ich scheinbar die Schuld auf jemand anderen schieben. Doch der Schein trügt. Solange wir nicht selbst Verantwortung übernehmen, geben wir die Macht aus der Hand, selbst dafür zu sorgen, dass es uns gut geht. Ich persönlich ziehe es daher vor, selbst etwas für mein Wohlergehen tun zu können, anstatt darauf hoffen zu müssen, dass andere es tun.

Deshalb übernehme ich die Verantwortung für meine Gesundheit. Unter anderem bedeutet das, die Zeit dafür aufzuwenden, sich zu informieren und sich eine eigene Meinung zu einem Thema zu bilden. Es bedeutet auch, im Zweifelsfall zweite und dritte Meinungen einzuholen, und zwar aus allen Disziplinen der Medizin, die helfen können. Es bedeutet aber auch, gegebenenfalls nicht einer Meinung mit dem behandelnden Arzt zu sein, und eine Behandlung, die man nach gründlicher Recherche und reiflicher Überlegung für nicht sinnvoll erachtet, abzulehnen.

Dazu ein Beispiel: Als ich etwa Mitte 20 war und noch keine Ahnung von Naturmedizin hatte, plagten mich wiederkehrende Magenschleimhautentzündungen. Mein Hausarzt untersuchte und befragte mich und schlug relativ schnell eine Magenspiegelung vor, um einen eventuell vorhandenen Helicobacter pylori zu diagnostizieren. Ehrlich gesagt hatte ich nicht besonders Lust, ins Krankenhaus zu gehen und einen Schlauch zu schlucken, deshalb fand ich mich nicht mit seinem Vorschlag ab, sondern fragte nach, ob es nicht auch noch andere Optionen der Diagnostik gäbe. Nach mehrfachem und nachdrücklichen Fragen rückte er dann damit heraus, dass es da noch so einen Atemtest gäbe … Danach ging es schnell: Atemtest, Diagnose bestätigt, Antibiotikum und der Magen war wieder wie neu. Und das zu einem Bruchteil der Kosten, die eine Magenspiegelung verursacht hätte. Heute würde ich nach dem Antibiotikum noch dafür sorgen, dass meine Darmflora sich wieder regeneriert, damals hatte ich wie gesagt davon noch keine Ahnung.

Glücklicherweise scheint die Anzahl der Ärzte zu wachsen, die bewusst die Rolle einnehmen, die meiner Meinung nach jeder Heiler einnehmen sollte: als Berater und Begleiter. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich meinen Zahnarzt gewechselt. Beim ersten Termin wollte ich ihn gleich darauf vorbereiten, dass ich kein einfacher Patient bin, mir den Luxus einer eigenen Meinung leiste und sogar darauf bestehe, dass ich selbst entscheide, was gemacht wird und was nicht. Zu meiner freudigen Überraschung bestätigte mich der Mediziner und sagte, dass ihm das die liebsten Patienten seien. Er selbst sähe sich nur als Berater. Fantastisch – so geht alles viel leichter.

Wir sind selbst für unser Leben und unsere Gesundheit verantwortlich und sollten diese Verantwortung aktiv übernehmen. Dazu gehört es auch Alternativen zu suchen, Optionen abzuwägen und mit dem Risiko zu leben, dass man vielleicht nicht die optimale Option gewählt hat. Wenn man sich informiert und den gesunden Menschenverstand trainiert und nutzt, funktioniert das prima. Und bei 99,999 Prozent der Entscheidungen die dabei zu treffen sind, geht es nicht um Leben und Tod, so dass wir sie entweder rückgängig machen oder mit dem nicht optimalen Ergebnis leben können.

Deshalb plädiere ich dafür, dass wir den Mut haben, die Verantwortung für unsere Gesundheit zu übernehmen, und zwar vollständig. Wir brauchen den Mut, dann die Schulmedizin zu nutzen, wenn sie die beste Option ist, und in Erwägung zu ziehen, dass die Naturmedizin Lösungen anzubieten hat, die man in der Schulmedizin nicht finden kann. Ich plädiere für ein gesundes Miteinander aller medizinischen Disziplinen und diejenigen, die dies langfristig erreichen können sind wir, die Menschen – wenn wir Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden, was für uns gut ist.

Liebe Grüße aus Aschaffenburg
Carsten Sann
Der Essenzenladen

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