Zu guter Letzt … Februar 2018

Als die Gebrüder Grimm 1852 ihr „Deutsches Wörterbuch“ veröffentlichten, enthielt es etwa 450.000 Wörter. Heute umfasst der Dudenkorpus die Grundformen von etwa 9 Millionen Wörtern. Die technische und gesellschaftliche Entwicklung der Welt hat dafür gesorgt, dass sich die Anzahl der Worte innerhalb von gut 160 Jahren verzwanzigfacht hat. Natürlich kommen Worte auch außer Mode oder werden schlicht nicht mehr benötigt. Und manchmal sollte man ein Wort auch bewusst nicht mehr benutzen – alleine schon diese Entscheidung hat weitreichende Konsequenzen auf unser Leben.

Für mich ist ein solcher Kandidat das Wort „Schuld“. Seine Definition ist recht harmlos und sachlich: Wenn jemand „schuldig“ an etwas ist, dann hat er etwas getan oder unterlassen, was für ihn selbst oder einen anderen negative Auswirkungen hat. In der Realität ist es jedoch so, dass das Gefühl schuld an etwas zu sein, also Schuldgefühle zu haben, einer der Hauptgründe dafür ist, warum wir nicht glücklich sind. Dabei bringt es weder uns noch gegebenenfalls demjenigen, der eine negative Auswirkung erlebt hat, etwas, wenn wir uns dauerhaft schuldig fühlen. In meinen Augen ist es Energieverschwendung, wenn wir an dem Gefühl, schuldig zu sein, festhalten.

Das ist selbstverständlich kein Plädoyer dafür, Schlechtes zu tun und sich danach gut zu fühlen. Vielmehr schlage ich vor, das Wort „Schuld“ durch „Verantwortung“ zu ersetzen. Wenn wir etwas getan haben, was für einen anderen negative Konsequenzen hatte, dann ist das Beste und einzig Sinnvolle, was wir tun können, die volle Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Zuvor ist es jedoch auch noch notwendig, dass wir akzeptieren, dass geschehen ist, was geschehen ist.

Wenn wir beispielsweise etwas gesagt haben, was uns leid tut, dann können wir es niemals wieder rückgängig machen, auch wenn wir es uns noch so wünschen. Deshalb ist es sinnlos, darüber nachzudenken, was gewesen wäre, wenn … Gleichzeitig können wir, wenn wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen, versuchen Wege zu finden, den Schaden wiedergutzumachen oder zumindest zu lindern. Wenn wir dann alles in unserer Macht stehende dafür getan haben, dann gibt es keinen Grund mehr für Schuldgefühle. Sie nutzen nicht, sondern schaden nur.

Und was ist, wenn wir selbst der Meinung sind, dass wir alles zur Wiedergutmachung getan haben, aber andere noch mit dem Finger auf uns zeigen und uns Schuld zuweisen? Wenn wir selbst vollständig ehrlich zu uns sind und tief in unserem Herzen wissen, dass wir das getan haben, was zu tun war, dann gibt es keinen Grund dafür, die Schuldzuweisungen anderer anzunehmen. Wenn wir uns selbst im Spiegel in die Augen blicken können und ohne Wenn und Aber sagen können, dass wir alles getan haben, was wir tun konnten, um die Konsequenzen unserer Handlung wiedergutzumachen, dann ist es meiner Meinung nach in Ordnung und sogar notwendig, das, was die anderen auf uns projizieren möchten, bei ihnen zu lassen, denn es sagt dann mehr über sie als über uns aus.

Besonders interessant wird das Prinzip von Schuld vs. Verantwortung, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Blickt man über den Tellerrand des rein Körperlichen hinaus, gelangt man schnell zu der Überzeugung, dass die verschiedenen Ebenen des Menschen – Körper, Geist und Seele – sich gegenseitig beeinflussen. Ich bin auch der Überzeugung, dass jeder körperlichen Erkrankung ein seelisches Ungleichgewicht vorausgeht. Bei einer Erkältung ist das vielleicht kurzfristig zu viel Stress, bei einer lebensbedrohlichen chronischen Erkrankung vielleicht Jahre oder Jahrzehnte des Unglücklichseins.

Dabei ist es jedoch unmöglich, einen zwingenden kausalen Zusammenhang herzustellen. Es ist nicht so, dass die Unglücklichen immer krank werden und die Glücklichen bis ins hohe Alter kerngesund sind. Jedoch bin ich schon der Meinung, dass seelisches Ungleichgewicht körperliches Ungleichgewicht begünstigt, und ebenso ist es für unsere Gesundheit zuträglich, wenn wir seelisch und geistig im Gleichgewicht sind.

Wenn es also so ist, dass es seelische Gründe für körperliche Symptome gibt, sind wir dann selbst „schuld“ daran, dass wir krank geworden sind? Um es kurz zu machen: Auch hier finde ich das Wort „Schuld“ destruktiv und fehl am Platz. Wenn wir denn schon krank sind, ist es sicherlich das Letzte, was wir brauchen, dass wir uns auch noch selbst die Schuld dafür geben. Statt einen Schritt in Richtung Heilung, bringt uns das nur noch tiefer ins Ungleichgewicht. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass wir auch niemandem anderen die „Schuld“ dafür geben können.

Wenn aber niemand schuld ist, was bleibt dann? Es ist wieder einmal die „Verantwortung“. Wer ist dafür verantwortlich, dass sich ein seelisches Ungleichgewicht auf körperlicher Ebene manifestiert? Nur ich selbst – aber die Energie dieser Aussage ist eine ganz andere als wenn wir uns selbst die „Schuld“ geben. Die positive Konsequenz ist, dass es auch nur von einer Person abhängt, aus dem Ungleichgewicht wieder ins Gleichgewicht zu gehen. Und diese Person bin ebenfalls nur ich selbst. Wir brauchen also niemanden, der uns die Erlaubnis gibt, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Es kann auch niemand verhindern, dass wir das tun. Alles was es braucht, ist unsere Absicht, unser Handeln und wahrscheinlich eine kleinere oder größere Menge an Unterstützung durch andere, denn nur, weil wir selbst alles in der Hand haben, heißt das nicht, dass wir auch alles alleine und ohne Hilfe bewerkstelligen müssen.

Schuldgefühle sind wie Wackersteine, die wir in einem Rucksack mit uns herumtragen. Sie sind nützlich, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen und Dinge wiedergutzumachen, denn sie erinnern uns an unsere moralischen Pflichten. Sie jedoch auf Dauer auf unserem Rücken durch unser Leben zu schleppen ist nutzlos und sorgt nur dafür, dass wir die Energie, die wir dafür benötigen, nicht nutzen können, um uns zu entfalten, uns zu freuen und unser Leben zu genießen.

Denken Sie doch einmal darüber nach, wofür Sie sich seit langem schuldig fühlen. Prüfen Sie dann, ob Sie bereits akzeptiert haben, was geschehen ist, oder ob Sie sogar noch in der „Wäre es doch nie geschehen“-Phase feststecken. Sobald sie akzeptiert haben, was passiert ist, übernehmen Sie die Verantwortung und suchen nach Wegen, für Änderung oder Ausgleich zu sorgen.

Der letzte Absatz fasst kurz und knapp zusammen, worum es mir in dieser Kolumne geht. Diese „Gebrauchsanweisung für den Umgang mit Schuldgefühlen“ kommt ganz simpel und unschuldig daher und wie alles im Leben, was wahr ist, wirkt sie fast trivial. Ihre Einfachheit soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Umsetzung beliebig viel Mut und Kraft in Anspruch nimmt. Und zuerst müssen wir uns selbst noch in die Lage versetzen, aus den altbekannten Mustern von Scham und Schuld auszubrechen – alleine das ist oft ein großer Schritt. Das Licht am Ende des Tunnels ist jedoch für mich immer gewesen, dass mich niemand daran hindern kann, mein Ziel zu erreichen. Sicher, es ist manchmal anstrengend, tut weh und kostet Überwindung. Aber die Verantwortung für das Gelingen trage ich ganz alleine.

Ich lebe mein Leben nun schon eine ganze Weile nach dieser Maxime und für mich ist es zu einem echten Trost geworden, dass ich niemand anderem die Verantwortung geben kann, wenn ich gescheitert bin. Und gleichzeitig ist es ein unglaublich bereicherndes Gefühl, wenn man sich selbst auf die Schultern klopfen kann, wenn man sein Ziel erreicht hat. Das Wort „Schuld“ habe ich dementsprechend schon lange aus meinem aktiven Wortschatz gestrichen und finde, es lebt sich so viel angenehmer und schöner.

Liebe Grüße aus Aschaffenburg
Carsten Sann
Der Essenzenladen

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